Gedanken und Impulse zum Aschermittwoch

17. Februar 2021

Ohne wenn und aber

Andrea Schwarz

Wer sich auf den Weg macht
der wird ein bisschen einsamer
und der braucht
die Einsamkeit
um das zu finden
was wesentlich ist
der braucht
die Kargheit der Wüste
die Zeiten der Stille
das Dunkel der Nacht
um zu erfahren
was wirklich ist
wer sich auf den Weg macht
der braucht
das Suchen - die Mühe - das Fragen

... der geht los
weil er das Leben will
ohne wenn und aber

Aus: Heidi Rosenstock/Hanna Köhler, Gebetsmappe der Burg Altpernstein.

Nicht: Macht weiter so, sondern: Kehrt um!

Franz Kamphaus

Mit der Reich-Gottes-Botschaft ist der Ruf zur Umkehr verbunden: »Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,15). Also nicht: Macht nur weiter so, sondern: Kehrt um! Die Wirklichkeit Gottes ist Jesus wichtiger als alle Selbstverwirklichung. Er lädt die Menschen ein, sich mit Gott zu versöhnen, nicht nur mit sich selbst. Er will verhindern, dass wir bei uns selbst stehen bleiben und nicht über uns hinauskommen, dass wir uns in der Sorge um uns selbst erschöpfen. Er gründet unser Leben in Gott. Das schenkt Freiheit und lässt aufatmen.

Jesus hat nicht gesagt: »Seid erst einmal gute Menschen, dann ist Gott euch gnädig.« Er hat umgekehrt gesagt: »Das Reich ist nahe. Gott schenkt euch seine ganze Liebe. Darum könnt ihr anders leben.« Am Anfang der Begegnung mit Jesus heißt es: »Deine Sünden sind dir vergeben.« So wird deutlich, dass er einen neuen Lebensraum eröffnet, der von der Last befreit und aufatmen lässt. Vor dem Imperativ steht der Indikativ.



Die Umkehrforderung richtet sich zwar immer auch an Einzelne, aber nicht nur an Einzelne privat. Es heißt ja: »Kehrt um!«, im Plural also. Die Umkehr, um die es hier geht, sprengt die Privatsphäre und greift in gemeinschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge ein. So sind wir als Kirche zu steter Gewissenserforschung aufgerufen. Mit bewundernswertem Mut ist der verstorbene Papst bemüht gewesen, ausdrücklich beim Namen zu nennen und zu bekennen, was alles durch Vertreter der Kirche geschehen ist: »Oft haben die Christen das Evangelium verleugnet und der Logik der Gewalt nachgegeben.« Johannes Paul II. hat am 12. März 2000 im Petersdom um Vergebung gebeten »für all jene, die Unrecht getan haben, indem sie auf Reichtum und Macht setzten und mit Verachtung die >Kleinen< straften, die dir (Herr) so am Herzen liegen ...« Wir dürfen in der gegenwärtigen Situation die Schuld an Fehlentwicklungen nicht nur bei den anderen suchen oder bei der >bösen Welt<. »Wenn wir uns kritisch gegen uns selbst wenden, dann nicht, weil wir einem modischen Kritizismus huldigen, sondern weil wir die Größe und Unbezwingbarkeit unserer Hoffnung nicht schmälern wollen. Wir Christen hoffen ja nicht auf uns selber, und darum brauchen wir auch unsere eigene Gegenwart und unsere eigene Geschichte nicht immer wieder zu halbieren und stets nur die Sonnenseite vorzuzeigen, wie es jene Ideologien tun, die keine andere Hoffnung haben als die auf sich selbst« (Synodenbeschluss: Unsere Hoffnung II,3).

Aus: Franz Kamphaus, Hinter Jesus her. Anstöße zur Nachfolge. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2010.

 

 

Stille lass mich finden

Lothar Zenetti

Stille lass mich finden, Gott, bei dir.
Atem holen will ich, ausruhn hier.
Voller Unrast ist das Herz in mir,
bis es Frieden findet, Gott, in dir

         Lassen will ich Hast und Eile,
         die mein Tagewerk bestimmen,
         die mich ständig weitertreiben.
         Innehalten will ich, rasten.

         Will vergessen, was die Augen,
         was die Sinne überflutet,
         diese Gier: Das muss ich sehen.
         Ruhen sollen meine Augen.

         Lassen will ich alles Laute,
         das Gerede und Getöne,
         das Geschrei und das Gelärme.
         Schließen will ich Mund und Ohren.

         Will vergessen meine Sorgen:
         Was ist heut und was wird morgen?
         Ich bin ja bei dir geborgen,
         du wirst allzeit für mich sorgen.

Stille lass mich finden, Gott, bei dir.
Atem holen will ich, ausruhn hier.
Voller Unrast ist das Herz in mir,
bis es Frieden findet, Gott, in dir.

Aus: Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Worte der Zuversicht. Matthias-Grünewald-Verlag 2006.

brechen und aufbrechen

Alois Kothgasser

Vieles in unserem Leben ist zerbrechlich - in einer Zeit des Nachdenkens über uns selbst sind wir in besonderer Weise dazu aufgerufen, uns dieser Zer­brechlichkeit zu stellen. Das Wort „brechen“ kann uns viel zu denken aufgeben - ein Glas kann brechen oder auch „zerbrechen“; das Fasten kann gebrochen oder auch „durchbrochen“ werden; ein Mensch kann mit Gesetzen brechen und damit etwas „verbrechen“ Wenn etwas bricht, ist das immer ein Zeichen dafür, dass es so nicht weitergehen kann; dass ein Neuanfang notwendig ist.

Nicht von ungefähr verstehen wir eine Zeit der Umkehr, so wie es etwa die Fastenzeit ist, auch als eine Zeit des Brechens - des Brechens mit Gewohnheiten, die uns von Gott fernhalten oder gar immer weiter wegführen; das Brechen mit Vorstellungen, die unser Leben eng machen und uns unter Druck setzen. Dieses Brechen hat etwas Befreiendes an sich. Wir sehnen uns danach, aufzubrechen und auszubrechen. Und hier gibt es ein einfaches Geheimnis: Wir können tatsächlich einen Neuanfang setzen. Wir können tatsächlich unserem Denken eine neue Richtung geben. Wir können tatsächlich Schritte aus der Enge heraus machen, wenn wir lernen, anders zu denken, in unseren Gewohnheiten anders zu leben, kurz: uns auf Gott zu verlassen und Ihn um die Gnade eines Neuanfangs zu bitten.

Zerbrechlichkeit und Enge hängen miteinander zusammen. Leiden schränkt den Spielraum ein. Wenn wir uns in schwerer innerer Not befinden, wird es eng. Wir finden keinen Ausweg mehr, wissen nicht, wie es weitergehen soll, haben keinen Raum, uns zu bewegen. In solcher Lage rufen wir nach Freiheit und Befreiung. Wir fühlen uns von Ketten gehalten, die wir aufbrechen wollen. Wir fühlen uns wie in einem Gefängnis, aus dem wir keinen Ausweg wissen. Was kann dieses Gefängnis sein? Worin kann unsere Gefangenschaft bestehen? Auch das ist eine gute Übung, sich diese Frage zu stellen: Was macht unser Leben eng? Was hält uns gefangen? Was sind die Ketten, die uns niederdrücken? Woran leiden wir? Und warum legt uns dieses Leiden in Ketten?

Aus: Alois Kothgasser / Clemens Sedmak, Geben und Vergeben. Von der Kunst neu zu beginnen. Tyrolia Verlag, Innsbruck Wien 2008

Seelen-TÜV

Iris Mandl-Schmidt

zum Kern vordringen
prüfen ob
die Ehrlichkeit ehrlich
der Fuß geerdet
das Bild real
die Offenheit offen

nicht verführbar sein
für Projektion Ideologie
Geltungssucht Rechthaberei
Übertreibung
kein seichter Talkshowmaster werden
den so genannten Großen schmeichelnd

nicht devot Ruf und Mammon folgen
und Begegnungen
zu Seifenopern
verkommen lassen, ach nein
mit Tiefe denken reden
gelassen altern

einfach aufrichtig schlicht
die kleinen Kreise ziehn
die Not und Sorge
im eigenen Quadratkilometer
erkennen wollen
hilfsbereit Hand anlegen

ohne Aufhebens
das Gold der Stille schätzen lernen
schillernd aus trübem Alltag
Feste machen
und Sekunden für die wahren
Wunder halten

Aus: Iris Mandl-Schmidt, Schaff meinen Gedanken einen Weg. Gebete ins Konkrete. Matthias-Grünewald-Verlag Mainz 2001.