Geschichte zum Nachdenken

17. April 2021

Geschichte zum Nachdenken zum Evangelium Lk 24,35-49

Stellen Sie sich ein berühmtes Kloster vor. Das Kloster war in große Schwierigkeiten geraten. Früher lebten dort viele junge Mönche. Alles war vom Chorgesang der Mönche erfüllt. Jetzt lag es aber verlassen da. Keine Menschen kamen mehr dort hin, die sich durch Gebet Stärkung für ihr Leben erbaten. Wenige alte Mönche waren noch dort. Nur mühsam schleppten sie sich durch die Gebäude. Mit schwerem, traurigem Herzen lobten und priesen sie Gott.

Ein alter Rabbi hatte sich in Klosternähe eine kleine Hütte gebaut. Dann und wann kam er in die Hütte, um dort zu fasten und zu beten. Der Abt kam auf die Idee, den Rabbi aufzusuchen und ihm sein Herz auszuschütten. Der Rabbi stand mit ausgebreiteten Armen in der Tür und hieß den Abt willkommen. Auf einem Tisch in der Hütte lag die geöffnete Heilige Schrift.

Kurz saßen beide dort – in Gegenwart des Buches. Der Rabbi fing an zu weinen und bei dem Anblick fing auch der Abt an zu weinen. Er bedeckte sein Gesicht und weinte sich das erste Mal in seinem Leben so richtig aus. Als alle Tränen versiegten, war alles wieder still und der Rabbi hob den Kopf. „Du kommst, um dir von mir Rat zu holen, denn du und deine Mitbrüder dienen dem Herrn mit schwerem Herzen. Ich gebe dir eine Weisung, du darfst sie aber nur einmal wiederholen. Dann darf sie niemals wieder ausgesprochen werden.“ Dabei schaute er den Abt offen und ehrlich an. Er sagte: „Der Messias ist unter euch!“ Danach war es eine Weile still. Der Rabbi sagte: „Nun musst du gehen.“ Der Abt ging ohne ein Wort und ohne zurückzuschauen fort.

Am Morgen des nächsten Tages rief der Abt seine Brüder zusammen. Er erzählte von seinem Besuch beim Rabbi im Wald und welche Weisung er von ihm erhalten hatte. Er dürfe diese Mitteilung nur einmal sagen und dann darf sie nie mehr laut ausgesprochen werden.

Er schaute seine Brüder einzeln an: „Der Rabbi sagte, einer von uns ist der Messias.“

Von dieser Aussage waren die Mönche sehr bestürzt und fragten sich, was das wohl zu bedeuten hätte. „Ist etwa Bruder Johannes der Messias? Oder Pater Matthäus? Oder Bruder Thomas? Bin ich vielleicht der Messias? Die Aussage des Rabbi hatte sie total verwirrt. Aber sie hielten sich an die Worte des Rabbi und keiner erwähnte sie wieder.

Nach geraumer Zeit begegneten sich die Mönche mit einer ganz eigenen Ehrfurcht. Etwas Gutes, Aufrichtiges, warmherziges Menschliches war zwischen ihnen. Es war schwer zu beschreiben, aber leicht zu bemerken. Wie Menschen, die endlich was gefunden hatten, so lebten sie zusammen. Sie betrachteten gemeinsam die Schrift wie Menschen, die immer voll Erwartung waren. Die Besucher des Klosters fühlten sich angetan und tief bewegt vom Leben dieser Mönche.

Hat diese Geschichte eigentlich etwas Gemeinsames mit unserem Evangelium? Auf den ersten Blick nicht  viel. Man muss die Aussage des Rabbi mit der des Abtes vergleichen. Der Rabbi sagte: „Der Messias ist unter euch, während der Abt sagte: „Einer von uns ist der Messias. Zwei ganz verschiedene Inhalte.

Die Mönche erkannten den Messias ebenfalls nicht, wie auch die Apostel ihn nicht erkannten. „Doch sie  waren wie mit Blindheit geschlagen, so dass sie ihn nicht erkannten.“(Lk24,16) Allerdings änderten die Mönche mit der Zeit ihr Leben, weil sie in jedem ihrer Brüder den Messias vermuteten.

Die Apostel sind dem auferstandenen Jesus wahrhaftig begegnet. Er zeigte ihnen seine Wundmale, er aß mit ihnen und verwies sie auf das Gesetz des Mose, auf die Propheten und die Psalmen, also auf das, was dort schon über ihn geschrieben stand. „Der Messias  wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen.“ (Lk24,46) „Ihr seid meine Zeugen dafür.“ (Lk24,48)

Und dieses Zeugnis wurde von Generation zu Generation bis in die heutige Zeit weitergegeben. Es gibt für die Auferstehung keinen Beweis, nur das Bekenntnis der gläubigen Christen. Wir feiern zusammen Eucharistie und bekennen damit: Jesus ist auferstanden und ist mitten unter uns. Er versprach den Aposteln Kraft aus der Höhe, mit der sie erfüllt werden sollten. Christinnen und Christen dürfen auf den Geist vertrauen. Er gibt uns Kraft. (Vergl. Lk 24,49)

Nach Motiven von Dr. Franz Kogler, Leiter des Bibelwerkes, Erzdiozese Linz

Annemarie Eichler

„Maria Himmelfahrt“ Fehrbellin